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|  Kreisa, Mitterer, Reinfrank mit dem "Bildnis Wally"
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Durch einen Hinweis meiner Mutter, die den Nachlass meines Vaters ordnete, der als kunstinteressierter Lehrer eine ansehnliche Sammlung von Kunstbüchern hatte, wurde ich erstmals im Jahre 2008 damit konfrontiert, dass das Modell von Egon Schiele, Wally Neuzil, eine gebürtige Tattendorferin sei. Mein erster Weg war die Tattendorfer Schulchronik, anhand der ich in Erfahrung bringen konnte, dass tatsächlich ein Josef Neuzil als Unterlehrer in Tattendorf tätig gewesen war. Somit war der Weg zum Pfarramt der nächste Schritt. Herr Pfarrer Matthias Vinh Hoang, gestattete mir die betreffenden Seiten der Taufchronik zu kopieren, die ich mit Spannung zuhause zu lesen versuchte, was sich als gar nicht so einfache Sache herausstellte, da die Schriftzeichen nur sehr schwer zu entziffern waren. Die Überraschung war groß, denn die oftmals fälschlicherweise als Valerie bezeichnete Wally schien in der Taufchronik als Walburga Pfneisl auf, den Namen ihres leiblichen Vaters, des Josef Neuzil, bekam sie erst später zuerkannt. Das Thema Wally ließ mich nun nicht mehr los und ich versuchte bereits im Jahr 2008 Kontakt mit Dr. Rudolf Leopold aufzunehmen, der als Schiele-Sammler und Schiele-Experte international anerkannt war und ist, um ihn über meine Kenntnisse zu informieren. Leider bekam ich damals auf mein persönliches Schreiben keine Antwort. Im Zuge meiner Recherchen wurde mir auch klar, dass die tragische Figur der Wally Neuzil schon andere Menschen dazu gebracht hat, sich mit ihr auseinanderzusetzen. So wurde auch in dieser Zeit vom Böhlau Verlag ein Roman (Hilde Berger: Tod & Mädchen) vorangekündigt, der das Thema Schiele und die Frauen, und somit auch Wally zum Thema hatte und der dann auch 2009 erschien. Auch Peter Patzak (Akte. Im Schweigen vermählt) und Gerald Szyszkowitz (Der Maler Schiele aus Tulln) schrieben Bücher bzw. Theaterstücke, in denen es auch um Wally Neuzil ging. Das Thema wurde aber auch in einer Filmbiographie unter der Regie von Herbert Vesley (Exzess & Betrrafung mit Mathieu Carriére und Jane Birkin, 1981), einem Musikwerk (Rachel´s: Music for Egon Schiele) und sogar in Cartoons (Jamie Tanner: The Perpetual Child, 2002 und Willi Blöß: In Wien ist Schatten) künstlerisch dargestellt. Wer war nun aber diese Wally Neuzil, die vor kurzem durch den Rückkauf (€ 14,8 Millionen) des seit Jahren in New York beschlagnahmten und in der Restitutions-debatte heiß umkämpften Werkes "Bildnis Wally" einer breiten Öffentlichkeit be-kannt gemacht wurde und was gibt es über sie zu berichten?
Es gibt derzeit nur sehr lückenhafte Erinnerungen an sie, denn vieles ist Fiktion und ist eher zur dichterischen Freiheit zu zählen, kann einem Wahrheitsbeweis nicht standhalten. Fakt ist, dass Wally als sehr junges Mädchen nach Wien kam, die soziale Stellung eines Aktmodells war denkbar schlecht. Wally stand Schiele in dessen schwierigsten, aber auch schaffensreichsten Jahren bei, dennoch war sie für Schiele keine standesgemäße Frau, die er heiraten wollte.
Hier in chronologischer Abfolge die persönlichen Stationen von Wally Neuzil, soweit derzeit bekannt:
19.08.1894: als Walburga Pfneisl in Tattendorf im damaligen Haus 26 (heute Badener Straße 12) als uneheliche Tochter des Unterlehrers Josef Neuzil und seiner Frau Thekla Pfneisl, einer Taglöhnerin geboren.
Im Taufprotokoll der Pfarrgemeinde Tattendorf steht folgender, nachträglicher Eintrag:
„Herr Josef Neuzil, Lehrer an der hiesigen Volksschule, von dem die unterzeichneten glaubwürdigen Zeugen rechtskräftig aussagen, dass sie ihn der Person und dem Namen nach wohl kennen, war zugegen und hat sich als der von der gleichfalls anwesenden Kindesmutter seiner nunmehrigen Ehegattin Thekla Neuzil, geborene Pfneisl, angegebenen Vater dieses ihres Kindes Walburga Pfneisl bekannt und die Einschreibung als Vater dieses Kindes verlangt. Tattendorf, am 11. Juni 1895“
Wallys Vater, Josef Neuzil, tritt mit 1. Mai 1893 seinen Dienst als Unterlehrer in Tattendorf an, er wird am 15.12.1896 provisorisch an die Volksschule Moosbrunn versetzt, wo er am 1. April 1897 definitiv angestellt wird.
Mit 15 Jahren kommt Wally nach Wien, wo sie auch als Modell von Gustav Klimt arbeitet und 1911 Egon Schiele kennenlernt, dessen Geliebte, Muse und treue Begleitung sie wird.
Die 17 jährige Wally geht 1911 mit Schiele Anfang Mai nach Krumau, in die Heimatstadt von Schieles Mutter, wo sich jedoch die konservative Bevölkerung an der vermeintlichen Sittenlosigkeit des Paares stößt, sodass man den Ort bereits Ende Juli verlassen muss.
Das Paar zieht nach Neulengbach, wo Schiele 1912 wegen „Unsittlichkeit“ und „Entführung“ zu 24 Tagen Untersuchungshaft im Bezirksgericht Neulengbach und 3 Tagen Arrest in St. Pölten verurteilt wird. Wally besucht ihn im Gefängnis und steht ihm in dieser schwierigen Zeit bei.
Wally und Schiele wohnen vorübergehend bei Schieles Mutter, da Schiele dort keine Möglichkeit hat zu arbeiten, ist er zuerst Gast in einem Atelier eines befreundeten Malers, später mietet er ein Atelier in der Hietzinger Hauptstrasse 101 an. Vom Atelierfenster aus, beobachtet Schiele auch die Schwestern Edith und Adele Harms, die gegenüber seinem Atelier wohnen. Er beginnt einen Flirt mit den beiden Mädchen im Dezember 1914, im Verlauf dessen er ihnen in einem graphisch vollendeten, oftmals abgebildeten Malerbrief schreibt:
„Donnerstag 10. Dezember 1914 Liebes Fräulein Ed. & ad. Oder Ad. & Ed. Ich glaube dass ihre Frau Mama Ihnen erlauben wird, mit Walli und mir ins Kino oder ins Apollo oder wohin Sie wollen zu gehen.....“
Das heißt, Schiele muss sich, um mit den beiden Mädchen in Kontakt treten zu können - er war sich auch längere Zeit nicht im Klaren, welcher der beiden seine Zuneigung galt – der Mithilfe von Wally Neuzil bedient haben. Schiele hat die Freundin, die ihm in den schwierigsten Situationen seines Lebens beigestanden war, plötzlich und rüde verabschiedet. Es gibt auch von ihm eine Mitteilung an Arthur Rössler vom 16. 02. 1915, wo er schreibt: „...Habe vor zu heiraten – günstigst, nicht Wally vielleicht...“
In einer Aussprache zwischen Wally und Edith Harms (April 1915) erklärt Wally ungeachtet der „älteren Rechte“ ihre Bereitschaft zum Verzicht auf das gemeinsame Leben mit dem Geliebten. Wally und Schiele treffen sich ein letztes Mal in Schieles Stammcafe, dem Cafe´ Eichberger. Der Kunstkritiker und Schriftsteller, Arthur Rössler schrieb über diese Begegnung 1943:
.....Nach der verlegenen Begrüßung schwiegen zunächst beide. Von E.S. war man das gewöhnt, aber nicht von seiner rotblonden „Zwitscherlerche“, wie er Wally oft kosend genannt hatte. Diesmal sprudelte keine heitere Rede leicht von ihren gern geküssten Lippen... Als dann Wally gar noch das Schnupftüchlein der Handtasche entnahm ....ein unertrügliches Anzeichen dafür, daß sie gegen aufquellende Tränen ankämpfte, beeilte sich E.S. aus der Brusttasche seines Rocks einen Briefumschlag hervor zu ziehen und selben Wally mit den gaumig gesprochenen Worten darzubieten: „Da steht alles drinn!“ – Verwundert und fragend sah das Mädchen den Mann an „Wozu das?“ Warum schreibst Du? Wir können doch miteinander reden!“ meinte sie. – E.S. erwiderte: „Lies nur, Du wirst hernach verstehen, warum ich schrieb. Ich will, daß Du etwas Schriftliches von mir in Händen hast, - etwas Bindendes.“
Und Wally las. – Kurios über die Maßen war, was sie las und sie wußte nicht, wie ihr dabei zu Mute war, ob sie laut weinen oder lachen sollte, denn das was sie in der zitternden Hand hielt, war kein sentimentaler Abschiedsbrief eines treulosen Geliebten, sondern ein höchst seltsames Dokument, durch dessen Wortlaut sich E.S. gegenüber Wally ernsthaft „verpflichtete“ mit der Geliebten a.D. alljährlich im Sommer eine mehrwöchige Erholungsreise zu unternehmen!!!! – „Aber Egon, wie stellst Du Dir das in Wirklichkeit vor? - Glaubst Du in der Tat, daß Edith das jemals zugeben würde – oder daß ich damit einverstanden sein könnte? Du meinst es sicherlich gut, davon bin ich überzeugt, aber es ist unmöglich, für mich gänzlich unmöglich! – Ich habe verzichtet, ein- für allemal und dabei bleibt es!“ – „Ja, wenn Du so sprichst, ist eben nichts zu machen, dann müssen wir halt endgültig Abschied nehmen. Schade! – Denn unmöglich wäre die Idee nicht gewesen, das darfst Du mir aufs Wort glauben“, sagte E.S. resigniert, zündete sich eine Zigarette an und sah dem aufkräuselndem Rauch träumerisch nach. – Wally dankte dem augescheinlich Enttäuschten für seine gute Absicht. E.S. wehrte ab, dann dankte er dem Mädchen für all das, was ihre uneigennützige Liebe und Treue, stets hilfsbereite Kameradschaft ihm gegeben. Und dann ging Wally, ohne Tränen, ohne Pathos, ohne Sentimentalität, aber auch ohne Ironie und Skepsis, nur traurig aber entschlossen das Leben weiter zu leben. Kurz bevor Wally als Krankschwester an die Front fuhr, verabschiedete sie sich von mir. Dabei erzählte sie mir das vorstehend Berichtete... Oktober 1943 Arthur Rössler
Heinrich Benesch, ein treuer Käufer und Bewunderer von Egon Schiele, blieb Wally auch noch nach der Trennung von Schiele gewogen. Eine Postkarte beweist dies:
„Liebes Frl. Wally! Es freut mich, daß es Ihnen gut geht. Besser etwas langweilig, als zu bewegt, wie bei uns, wo man seine Nerven so schön langsam aufbraucht, daß einem fürs Alter nichts übrig bleibt. Wie gut es uns geht, sehen sie aus meinen neuesten Porträtzeichnungen Egons. Herzliche Grüße Benesch“ Adressiert: Fräulein Wally Neuziel (!), Pflegerin, Sebenico (Dalmatien), K.K. Landesmarodenhaus.
Wally Neuzil dürfte 1916 nochmals Gustav Klimt Modell gestanden sein. Das Klimt-Gemälde „Wally“: 110 x 110 cm, Öl auf Leinwand aus der „Lederer-Sammlung“ ging vermutlich 1945 im Schloß Immendorf beim Brand des Schlosses verloren.
Wally ging als Rot-Kreuz-Hilfsschwester nach Dalmatien, wo sie am 27. Dezember 1917 in einem Landwehr-Marodenhaus in Sinj bei Split an Scharlach verstarb.
Zu den berühmtesten Bildern, für die sie Modell stand, gehören neben dem „Bildnis Wally“, auch „Tod und Mädchen“, „Kardinal und Nonne“, „Wally in der roten Bluse“
Bedenken wir im Zusammenhang mit der späten Würdigung jedoch eines: Wir würde heute jeder Einzelne von uns auf eine Person wie Wally reagieren? Was würde sie wohl heute sein: vielleicht Pornodarstellerin und Lebensab-schnittspartnerin eines auf Profit ausgerichteten Filmproduzenten? Würden wir auch dann noch einen Platz oder eine Straße nach ihr nennen wollen? Wally Neuzil ist für jeden von uns ein gutes Beispiel für mehr Toleranz, für das Zulassen von anderen Meinungen und Lebensformen. So sehr das Werk von Schiele seine Beachtung finden muss, so sehr zeigt uns aber die Person Egon Schiele im Umgang mit Wally Neuzil die abstoßenden Abgründe von Egomanie und Narzissmus. Möge die Erinnerung an Wally Neuzil auch ein Mahnmal gegen diese Versuchungen sein, vor denen kein Mensch ganz gefeit ist …
Tattendorf im August 2010, Alfred Kreisa 

http://tvthek.orf.at/programs/1303-Kulturmontag/episodes/1573755-Kulturmontag/1575433-Kinder-Modell--Schieles-Wally
http://tvthek.orf.at/programs/70017-Niederoesterreich-heute/episodes/1575111-Niederoesterreich-heute/1576199--Wally--kommt-aus-Tattendorf
(Die Videos können auch im Downloadcenter http://www.tattendorf.at/download.html der Gemeinde abgerufen werden.) 
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